Heine - Biografie

Dein Großvater war ein Jude und hatte einen großen Bart." - die Tragweite dieser Tatsache sollte der junge Harry Heine in der Schule nicht nur sprichwörtlich am eigenen Leib erfahren, sie sollte sich ihm auch unauslöschlich in seinen Geist einprägen und ihm ein Bewusstsein seiner eigenen Identität vermitteln, die fortan untrennbar mit der jüdischen Herkunft verbunden war. Der spätere Heinrich Heine wird als Harry am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren. Er ist das erste Kind des Tuchhändlers Samson Heine und seiner Frau Peira, die ihren jüdischen Vornamen später in Betty ändert. Aus Harry wird erst im Jahre 1825 bei seiner Taufe Heinrich Heine.

 

Das Düsseldorf von Harrys Kinder- und Jugendzeit erlebt eine Periode, in der "nicht bloß die Franzosen, sondern auch der französische Geist herrschte". Es ist die Epoche der Koalitionskriege und der neuen Freiheitsideale eines Napoleon. Heine selbst hat für die aufklärerischen revolutionären Ideen ein offenes Ohr und eine sensible Antenne gehabt und erklärte später "Wie ich die Freiheit liebe, liebe ich Frankreich." Harrys Kinder- und Jugendzeit legt nicht nur den geographischen Grundstein für sein späteres Leben, das er zumeist im freiheitlich europäischen Paris verbringen wird, sondern auch für die geistige Entwicklung seiner Persönlichkeit, die sich später in seinem schriftstellerischen Werk unüberhörbar und für viele Zeitgenossen skandalös Bahn brechen sollte.



Nach der Kinderschule besucht Harry ab 1803 eine israelitische Privatschule. Nachdem im Juni 1804 eine neue kurfürstliche Verordnung erlassen wird, nach der jüdische Kinder auch christliche Schulen besuchen dürfen, wechselt er im August in eine der städtischen Grundschulen. Von 1810 bis 1814 besucht Harry anschließend das Düsseldorfer Lyzeum, wo der Einfluss des Rektors Schallmayer den philosophischen Samen für Heines sich formenden Geist in einer an Kant orientierten Aufklärung legt. Die Vielfalt der geistigen Strömungen in Harrys Jugendzeit hat in ihrer Gesamtheit seine Persönlichkeit geprägt und einen kosmopolitisch und liberal denkenden Menschen hervorgebracht, der nichts mehr verabscheuen sollte als einengende Dogmen und Grenzen.
    
Neben der Schule betreibt Harry ein intensives Literaturstudium - nicht nur der so genannten Klassiker, sondern auch der Volksmärchen und Volkssagen - und besucht Theateraufführungen, was der Mutter, die für ihren Sohn ehrgeizige berufliche Pläne hegt, gar nicht behagt. Dennoch entstehen bereits in diesen Jahren die ersten Gelegenheitsgedichte. Die sich verschlechternde wirtschaftliche Situation des elterlichen Tuchgeschäftes verlangt jedoch zunächst einmal tatkräftige Unterstützung seitens des ältesten Sohnes, und so beginnt Harry eine kaufmännische Ausbildung. Im Juni 1816 schicken ihn die Eltern zu seinem Onkel Salomon nach Hamburg, der dort ein erfolgreiches Bankhaus leitet und aus ihm einen brauchbaren Kaufmann machen soll. Aber auch er kann nicht vollbringen, wozu sich Harry im tiefsten Inneren nicht berufen fühlt. Aber die Konfrontation mit der ihm geistig und menschlich vollkommen fremden Welt macht ihn nicht nur zum Außenseiter, sondern bedeutet auch die Geburtsstunde des Dichters Heine, der in einer ersten bewussten Emanzipationsanstrengung sein eigenes Ich behauptet.



Seine zunächst noch zaghaften dichterischen Versuche finden schon bald zwar kein breites gesellschaftliches, dafür aber ein intimes literarisches Echo: die Zeitschrift "Hamburgs Wächter" druckt im Jahr 1817 mehrere seiner Gedichte, allerdings unter dem Pseudonym Sy. Freudhold Riesenharf, das eine Verdrehung der Worte "Harry Heine. Düsseldorf" bildet. Bevor Harry Heine sich endgültig als Schriftsteller etabliert, muss er sich jedoch noch einmal den Wünschen seiner Mutter fügen, die - nachdem die väterliche Firma Pleite gegangen ist - nun eine Juristenlaufbahn für den Sohn vorsieht. So schreibt sich Harry zwar im Dezember 1819 in Bonn als Student der Rechts- und Kameralwissenschaft (Wirtschaftswissenschaften) ein, was er jedoch während der nächsten Jahre studiert, sind vor allem Literatur und Geschichte in literaturgeschichtlichen, mythologischen und historischen Werken sowie in den Vorlesungen August Wilhelm von Schlegels. Außerdem bekommt er geistigen Kontakt mit der Welt der Romantik, deren weltfremde und rückwärts gewandte Ideale er später - aufgeweckt durch die Lehren Hegels - aufs Schärfste kritisiert und mit verantwortlich macht für das Erstarken der restaurativen Kräfte.
    
Während seiner Studentenzeit kristallisiert sich auch bereits ein anderer Zug von Heines Persönlichkeit heraus, und das ist das konsequente und furchtlose Eintreten gegen jegliche Form von geistiger und politischer Unterdrückung, was ihm bei seinem oppositionellen Auftreten gegen die so genannten Demagogenverfolgungen einen ersten Kontakt mit der preußischen Obrigkeit beschert. Nachdem Heine kurzfristig in Göttingen studiert hat, wechselt er im April 1821 nach Berlin, was für seine dichterische Karriere schicksalhaft werden sollte. Er nimmt Kontakt zu Professor Gubitz auf, der die Zeitschrift "Der Gesellschafter" herausgibt. In den folgenden drei Ausgaben erscheinen dort regelmäßig Werke von Heine, die ihn rasch bekannt machen. Aber seine Gedichte finden nicht nur ungeteilte Zustimmung, sondern provozieren durch ihren Bruch mit literarischen und gesellschaftlichen Konventionen auch schneidende Kritik. Eine geistige Oase wird ihm in dieser Zeit der Salon der Rahel Varnhagen, wo er sich ohne große Worte verstanden fühlt.



Die Taufe am 28. Juni 1825, bei der aus Harry Heinrich Heine wird, soll dem Dichter den beruflichen Aufstieg nach der wenige Wochen später bestandenen Promotion sichern helfen. Aber alle seine Bemühungen um eine akademische Laufbahn scheitern, so dass er sich schließlich im Mai 1831 nach Paris aufmacht, wo er bis zu seinem Lebensende ein neues geistiges und persönliches Zuhause finden sollte. Paris ist für Heine "das neue Jerusalem, und der Rhein ist der Jordan, der das geweihte Land der Freiheit trennt von dem Lande der Philister." Was als Flucht vor den "vergiftet(en) Lebensquellen" begann, sollte schon bald zur echten Heimat werden, ohne dass jedoch die Sehnsucht nach dem Vaterland Deutschland in Heine je zum Schweigen kommt. Aber es sollte zwölf Jahre dauern, bis sich Heine erstmals wieder zu einer Reise in die Heimat aufmacht, denn seine unverblümte dichterische Sprache und Kritik am preußischen Obrigkeitsstaat lassen nicht nur die Wogen der Empörung hoch schlagen, sondern seine Artikel zum Teil auch nur zensiert erscheinen; 1835 folgt sogar ein Publikationsverbot.
    
In Paris verfolgt Heine weiter seine dichterische Arbeit und schreibt gleichzeitig als Korrespondent für die deutsche Tageszeitung "Allgemeine Zeitung" unter dem Titel Französische Zustände. Hier lernt Heinrich Heine auch seine Frau Crescence Augustine Mirat, genannt Mathilde, kennen, die er 1841 heiratet. Bald ist er in der französischen Hauptstadt eine anerkannte Gestalt des künstlerischen und politisch-gesellschaftlichen Lebens. Ab 1844 verschlechtert sich Heinrich Heines Gesundheitszustand durch fortschreitende Lähmungen infolge einer Rückenmarktuberkulose, die ihn vier Jahre später an seine "Matratzengruft" fesseln. Geistig ungebrochen schreibt er weiterhin Artikel für die "Allgemeine Zeitung" und literarische Werke wie Atta Troll. Am 17. Februar 1856 stirbt Heinrich Heine schließlich infolge einer Hirnhautentzündung und wird drei Tage später auf dem Friedhof von Montmartre beigesetzt.