Christian Quadflieg: Stand der Dinge im April 2005

(Weitergabe nur mit Genehmigung des Autors gestattet!)

 

Eine Initiative, die das Ziel hat, ein Heinrich-Heine-Denkmal von seinem jetzigen Standpunkt im Botanischen Garten der französischen Stadt Toulon wieder nach Hamburg zurück zu führen, wo es zwischen 1909 und 1936 (27 Jahre!!!) gestanden hat.



Welche Geschichte steckt dahinter?

Ich glaube, dieser Bericht beschreibt, die wohl einmaligste Odyssee, die jemals einem Denkmal wiederfahren ist: 1873 erstellt der dänische Bildhauer Louis Hasselrjis einen ersten Entwurf zu einem Heine-Denkmal. Und es ist Sisi, Elisabeth, Kaiserin von Österreich, die 1891 (* 24.Dezember 1837, München - † 10. September 1898, Genf) Tochter des Herzog Maximilian von Bayern. 1954 Heirat mit Kaiser Franz Joseph I. von Österreich) die Umsetzung in Marmor veranlasst (1,60 cm hoch, 2250 kg). Sie, eine große Verehrerin von Heinrich Heine, (einige Gedichte von ihr lassen das Vorbild durchscheinen), machte sich in Adelskreisen viele Feinde mit ihrem Engagement für Heine. Daher zögerte sie zunächst, der Statue auf ihrem Landsitz auf der Insel Korfu einen Standplatz zu verschaffen. Ihr Angebot, es der Stadt Hamburg zu schenken, als der Stadt, in der Heine sich so oft aufgehalten hat, wurde jedoch vom Hamburger Senat abgelehnt.


Also errichtete Sisi letztendlich auf ihrem Landsitz: „Achilleion“ einen Monopteros für ihr Denkmal, und ließ es 1892 (1. Schiffsreise des Denkmals), dorthin verschiffen. Am 10.September 1898 wurde Sisi auf der Promenade des Hotels „Beau Rivage“ ermordet, just dem Hotel, in dem ein gewisser Uwe Barschel 1987 unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. 1907 erwarb der deutsche Kaiser Wilhelm II. den Landsitz der Elisabeth vom österreichischen Königshaus. Als wütender Hasser von Heinrich Heine (Zitat Wilhelm II.): „Der größte Schmutzfink im deutschen Dichterwald“, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als das Heine-Denkmal zu entfernen. Von seinem Hofmarschallamt übernimmt es Heinrich Julius Campe, wobei unklar bleibt, ob durch Kauf und zu welchen Kosten.
(2. Seereise des Denkmals)



Heinrich Julius Campe

Heinrich Julius Campe (1848-1909) ist der Sohn von Julius Campe (* 1792 -† 1867), dem großen Förderer von Heinrich Heine, der alle Werke von Heine verlegte, und überhaupt ein großer Förderer der gesamten Dichtergeneration des sogenannten „Jungen Deutschland“ war, dieser Heinrich Julius Campe also schreibt am 11.August 1909 an den Hamburger Senat, Zitat: „Der Oberhofmarschall S.M. des Kaisers hat mir als einem quasi Verwandten Heinrich Heine’s das Standbild desselben überlassen, und ich ersuche den Senat dieses Denkmal in öffentliche Obhut zu nehmen, um ihm einen öffentlichen Platz in der Stadt zuzuweisen.“ Einen Monat später findet im Rathaus eine Diskussion statt und es wird folgendes notiert: (Zitat) „Referent erklärt, dass er bei Würdigung der ganzen Persönlichkeit Heines’s, zumal in Anbetracht seiner vaterlandsfeindlichen Haltung, der Errichtung eines Denkmals für den Dichter in Deutschland grundsätzlich nicht das Wort reden könne, und er spricht sich ausdrücklich gegen die Aufstellung des angebotenen Denkmals aus, dessen Annahme schon im Hinblick auf die Person des Spenders Julius Campe nicht ratsam erscheine.“ In der Tat genoss Campe in der Hamburger Gesellschaft keinen sehr guten Ruf, er galt als ein Mann mit anstößigem Lebenswandel, der u.a. auch 1880 zur Scheidung von seiner Ehefrau Angèle führte. Seine Frau war eine gebürtige Französin und war bereits 1880 mit den beiden Töchtern, Gabriele und Olivia in ihre Geburtsstadt Paris zurückgekehrt.



Ein weiterer denunziatorischer Brief blieb in der Senatsdiskussion unbeachtet: „ ... erlaubt sich Ihnen zu sagen, was übrigens in allen Hamburger Kreisen und darüber hinaus bekannt ist, dass Herr Campe ein in sittlicher und moralischer Beziehung auf der untersten Stufe stehendes Individuum ist, und die Annahme von jemandem, der auf solch niederem Niveau wie Herr Campe steht, der Stadt schlecht anstünde.“ Die „Frankfurter Allgemeine“ notiert am 24. September 1909: „Aus Hamburg wird uns berichtet:


Es ist also entschieden: Das vertriebene Heine-Denkmal aus dem „Achilleion“ bekommt doch eine Ruhestätte in Hamburg, und zwar eine typische hamburgische – in einem Kontorhaus. Die „Barkhof GmbH“ hat mit Herrn Campe vereinbart, dass das Denkmal auf dem Ehrenhof der Grünanlage ihres neuen Kontorgebäudes aufgestellt wird.“ Dem war aber noch nicht so. Der Grund für die Verzögerung war ein Telegramm von Alfred Kerr (5 Tage nach dem Artikel in der FAZ), das folgenden Wortlaut hatte: „Campes überflüssiges und taktloses Eingreifen in eine bestehende Angelegenheit hat mit unserem Gesuch nichts zu tun“. Alfred Kerr war der Wortführer einer Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hatte, ein „deutsches“ Heine-Denkmal in Auftrag zu geben, und daher Campes Vorstoß als störende Konkurrenz empfand, zumal es sich dabei um ein (Zitat): „gebrauchtes“ Denkmal handele.


Es spricht vieles dafür, dass Julius Campe bei seinem Tode am 3. November 1909 das Heine-Denkmal seinem Hausherrn Franz Bach überlassen hat.



Der Campe-Verlag befand sich in jener Zeit in den Gebäuden des Barkhof, die zum Teil durch den Besitzer und Architekten Franz Bach selbst errichtet wurden, oder zumindest in seinem Auftrag. Vieles hierüber hat mir Mathias Bach erzählt, der Urenkel von Franz Bach und heutiger Besitzer des Gebäudekomplexes um den Barkhof herum. Am 28. Oktober 1910 vermeldet die Presse jedenfalls, Zitat: „dass das Denkmal inzwischen sang und klanglos im Ehrenhof des Barkhofes aufgestellt worden sei.“ Und das „Hamburger Echo“ ergänzt: „Aus dem Besitz eines Nachkommens von Heines Verleger Campe, ging es in den Besitz der Gesellschaft über, die nun für eine würdige Platzierung des Denkmals sorgte.“


Der Eigentümer des Gebäude-Ensembles rund um den Barkhof Franz Bach erscheint dem Senat gegenüber bald darauf als „Verfügungsberechtigter“ des Denkmals. Und nur Franz Bach hatte als Geschäftsführer der „Barkhof -GmbH“ die Möglichkeit im repräsentativen Mittelpunkt dieses größten Kontorhauses der Mönckebergstraße Anordnungen dieser Bedeutung zu treffen. Er leistete sich damit ein hochpolitisches Arrangement:
Mitten in der Hamburger City bot er eine kulturgeschichtliche Demonstration:


Dem Dichter mit der „vaterlandsfeindlichen Haltung“ (Heine) stellte er das Denkmal des „vaterlandslosen“ in Hamburg geborenen Architekten Gottfried Semper gegenüber.



Semper (1803-1879), lange Zeit steckbrieflich gesucht und Freund von Anarchisten und Revolutionären und Namensstifter des Gebäudes, worin jetzt sein Denkmal aufgestellt war. Da standen Sie sich jetzt also gegenüber, die ins Exil gejagten großen Deutschen: Heine und Semper und die Kaufleute hatten auf ihrem Weg vom Hauptbahnhof zum Rathaus gewissermaßen eine Mahn-Lichtschranke zu überwinden. Adolf Bartels, erklärter antisemitischer Schriftsteller, geiferte gegen das (Zitat) „entsetzlich verjudete Hamburg“ und gegen Heine, insbesonders gegen „Heine-Denkmäler“: „Nein, zu Boden mit Heine, mögen ihn die verehren, zu denen er gehört, denen er noch heute aus der Seele spricht und singt! Für uns Deutsche wäre das „Heine-Denkmal“, im Namen des deutschen Volkes errichtet, die ärgste Beschimpfung, Schmach und weiter nichts als Schmach.“ Und an anderer Stelle äußert sich Bartels so: „ ... dass der Hamburger Senat, diese grobe Taktlosigkeit gegen das deutsche Kaiserhaus begehen konnte, ein öffentliches Heine-Denkmal zu ermöglichen, dass das deutsche Volk ein solches Lumpenvolk geworden ist, sich ein Heine-Denkmal gefallen zu lassen, glaube ich noch nicht.“



Nach Ende des 1.Weltkriegs verschärfte sich die antisemitische Stimmung, und es waren vermutlich „Rechte“, oder auch völkische Heine-Feinde, die später mehrmals das Denkmal im Barkhof beschmierten. Franz Bach sorgte schließlich dafür, dass es durch einen Bretterverschlag geschützt wurde. Die kommunistische „Hamburger Volkszeitung“ sprach sarkastisch von: „Schutzhaft“. Im Magistratsprotokoll der Stadt Altona, damals noch kein Stadtteil von Hamburg, heißt es 1925: „Das im Besitz des Architekten Franz Bach befindliche Heine-Denkmal in Hamburg soll der Stadt Altona zur Aufstellung überlassen werden. Das Denkmal hat jetzt seinen Platz am Kontorhaus Barkhof. Die wiederholten Beschädigungen, die dort vorgekommen sind, zwangen dazu, das Denkmal dauernd verdeckt zu halten. Um diesem unwürdigen Zustand des unbestritten wertvollen Kunstwerkes ein Ende zu machen, ist es der Stadt Altona nach Verhandlungen mit dem Bevollmächtigten des Herrn Bach zur Verfügung gestellt worden.“

 

Im Mai 1926 wurde das Denkmal von Hamburg nach Altona verbracht und bis zum Oktober 1926 von dem Bildhauer Henneberger gereinigt. Bis zur Aufstellung kam es dann zu einer Verzögerung, weil Angèle Campe, die geschiedene Frau des Verlegers, sich noch einmal einmischte. Sie hatte, obwohl in Paris lebend, noch bis zu ihrem Tode im Juli 1930 eine Wohnung an der Rothenbaumchaussee (26/28). Verbittert darüber, dass sie und ihre Töchter nur mit dem Pflichterbteil abgefunden worden waren, (den Großteil erbte die letzte Lebensgefährtin von Campe, ein gewisses Fräulein Anne Riebeling) meldete sie Besitzansprüche an. Am 2. Juni 1927 einigte man sich und das Denkmal wurde feierlich im „Donner’s Park“ in Altona an der Elbchaussee, aufgestellt, d.h. genauer gesagt, in einem „Oktogon“ des Museumspavillons, ein Gebäude (Ironie des Schicksals), das einst von Gottfried Semper gebaut worden war.



Der Altonaer Bürgermeister Max Brauer dankte ausdrücklich (Zitat): „ ...der Familie Campe und dem Architekten Bach für das Vertrauen, das sie durch die Überlassung des Denkmals in die Stadt Altona setzten.“ Hinter den Mauern des Museums stand das Denkmal nun unbehelligt bis zum 1933, als die Nazis die Schließung des Museums befahlen. 1934 sollte die Statue entfernt werden, aber es fand sich kein Käufer, so dass sich die Tochter von Julius Campe, Olivia Bouchard, geb. Campe quasi „erbarmte“, so unter dem Aspekt: „Wenn ich sie schon nicht verkaufen kann, dann hole ich sie mir in meine Heimatstadt Toulon". Sie nahm den Ausbruch des Krieges 1939 zum Anlaß, die Verschiffung der Statue nach Toulon zu veranlassen. Ob sich dabei über etwaige Besitzansprüche des Franz Bach hinweggesetzt wurde, bleibt ungeklärt: Den Nazis ist es recht, wenn das Denkmal eines linken Intellektuellen, jüdischer Herkunft das Land verlässt.


Heinrich Heine ging ins Exil nach Frankreich und nun ging auch sein Denkmal ins Exil nach Frankreich. Auf dem Schiff „Provida“ (3. Seereise des Denkmals) reist das Denkmal nach Marseille, von dort weiter mit dem LKW nach Toulon. Übrigens: Das Museum im Donner’s Park wurde 1943 durch Bomben dem Erdboden gleich gemacht. Heine war also noch einmal davon gekommen. Über den Verbleib der Statue in Toulon gibt es sehr unterschiedliche Angaben. Sicher ist, dass die Statue 1942, um sie vor den deutschen Besatzungstruppen zu schützen, in einer Kiste gelagert wurde und dann als verschollen galt. 1948 gelingt es Frau Bouchard den „Marmor Heine“ unter Kriegsschutt wiederzufinden, sie hatte einigen Schaden genommen. 1951 verstarb Olivia Bouchard, geb. Campe und vermachte das Heine-Denkmal der Stadt Toulon, versehen mit dem Legat: Man möge Heine so aufstellen, dass er aufs Meer blicken könne, denn er habe die See immer so sehr geliebt. Aber auch der Ehemann von Olivia, Edmond Bouchard erlebte die Aufstellung des Denkmals nicht mehr. Er starb im März 1956 und erst im November des Jahres 1956 bewirkte eine internationale Initiative, daß im 100.Todesjahr Heines das Denkmal endlich aufgestellt wurde: In dem Touloner Stadtteil Mourillon, im Botanischen Garten.



Auch der amalige Kultursenator der Stadt Hamburg Herr Biermann-Ratjen war erschienen und hielt eine bewegende Rede über Völkerverständigung. Seit diesem Tag steht nun der marmorne Heine in Toulon: mal mehr, mal weniger vermoost. Auch ich musste erst einige Zweige wegschneiden, als ich mit den Kameras des NDR am 2. Juli 2002 vor Ort eine Dokumentation drehte, die uns auch zu einem Interview mit dem 2. Bürgermeister der Stadt Toulon führte. Bis hierher habe ich Ihnen, in möglichst kurzer Form, erzählt, was ich aus dieser oder jener Quelle über die Vorgeschichte dieses Denkmals in Erfahrung bringen konnte. Wie es zu meinem ganz persönlichen Einstieg in Sachen "Heine-Denkmal" kam, schildere ich unter dem Link: "Meine Initiative".